„Ruhe, ich halte meine Siesta“
1O Jahre Gemeinde im Herzen der Altstadt Marseille
Wir waren gerade damit beschäftigt, unser Mitarbeiterhaus zu renovieren, und ich stand neben der Betonmischmaschine, um die nächste Ladung vorzubereiten. Inmitten des Lärms, umgeben von Staub und in die Arbeit versunken, klopfte mir plötzlich jemand auf die Schulter. Erschrocken fuhr ich zusammen, drehte mich um und schaute in den Lauf einer Schrotflinte. Nachdem ich die Betonmischmaschine ausgeschaltet hatte, sagte mein Nachbar mir nur mürrisch: „Ruhe, ich halte meine Siesta“. Mit diesen Worten drehte er sich um und verschwand, und ich – wartete, dass die „Siestazeit“ vorübergeht.
Zehn Jahre später ...
waren wir in den Vorbereitungen
für unsere offizielle Gemeindefeier zum zehnjährigen Bestehen des Werkes, und ein lieber Nachbar kam auf mich zu. Während unserer freundlichen Unterhaltung teilte er mir mit, wie zufrieden sie seien, dass wir als Gemeinde und als Familie seit langer Zeit in der Altstadt wohnen, und dass er ja einer der ersten war, die uns mit offenen Armen empfangen hatte. Und in mir kamen die Bilder hoch, von vor zehn Jahren, als eben dieser Jean mit seiner Schrotflinte vor mir stand, um mich mit offenen Armen zu empfangen.
Der Herr hat Gnade geschenkt
Einige Jahre sind seitdem vergangen und wir können wirklich Zeugnis davon ablegen, dass der Herr uns Gnade an diesem Ort geschenkt hat. In den Vorbereitungen für das Fest saßen wir mit unseren langjährigen Mitarbeitern zusammen, um uns an die verschiedenen Geschichten aus der Gründungszeit zu erinnern. Lobpreis in den Strassen und das Wort in die Häuser hineinzubringen stand von Anfang an im Zentrum unserer Arbeit. So entstand unser Ruf, dass Kranke heil werden und dass wir ein Segen sind für die Altstadt. Da war Georgete, die Dame mit ihren 80 Jahren, die von allen verlassen war und um die sich Brita mit einer lieben Schwester kümmerte und die nicht mal eine Woche vor ihrem Tod ihr Leben dem Herrn anvertraute, da sie Liebe empfangen hatte. Oder Ablah, die erblindet war und der Herr hat ihr das Augenlicht wiedergeschenkt. Moustafa, der in einen Anbetungsgottesdienst kam, unter der Kraft Gottes zusammensank und sich 15 Minuten später wieder erhob und sich für die gute Erholung bedankte (am nächsten Tag gab er sein Leben dem Herrn). Viele Begegnungen mit Jesus, viel Freude auch in den schwierigen Jahren. Ja, die gab es.
Sieben Jahre hatte es gedauert, bis wir angenommen waren
und bis dahin wurde uns die Ablehnung offen gezeigt, indem unsere Autos zerstört wurden und elfmal unser Haus ausgeraubt wurde. Wir wurden in den Strassen angepöbelt, aber der Herr hat uns geholfen, unser Herz zu bewahren. All diese Dinge kamen in den Vorbereitungen hoch, und als ich bei der Bürgermeisterin saß, um sie zum Fest einzuladen, sagte sie nur, dass sie sich darüber bewusst sei, dass es nicht immer einfach war für uns, aber dass sie mit ihren engsten Mitarbeitern regelmäßig über uns reden und zu dem Schluss gekommen sind, was für einen guten Einfluss wir auf unsere Umgebung haben. Zum Schluss sagte sie uns ihre Teilnahme zu, und zu meiner größten Freude war sie bereit, in der Öffentlichkeit für sich beten zu lassen.
Jubiläumsfeier auf dem Place du Moulins
Der große Tag war da. Schon am Morgen waren wir damit beschäftigt auf unserem Place du Moulins die Bühne aufzubauen, Stühle zu stellen und unser Straßencafé auf den Platz zu verlegen. Die einzelnen Arbeitsbereiche der Gemeinde hatten Informationsstände aufgebaut, und das Fest begann mit einer Kinderrally. Anschließend kam dann der offizielle Akt, und verschiedene Freunde von nah und fern waren dabei. Wir haben uns riesig gefreut, dass Jan & Brigitte Boelsen aus dem Christlichen Zentrum Münster mit dabei waren. Vertreter der Evangelischen Allianz, der Fédération Protestante de France und auch unseres Gemeindebundes hielten kurze Ansprachen. Zum Abschluss kam dann Madame Narducci, unsere Bürgermeisterin, zu Wort. Sie war sehr ergriffen und begann damit, ihre vorbereitete Rede wieder in ihre Tasche zu stecken, um, wie sie sagte, uns von ihrem Herzen mitzuteilen. Was folgte, waren Worte der Ermutigung und des Dankes. Am Ende konnten wir für sie und ihren Mitarbeiterstab beten. Zu guter letzt hatte Madame Narducci eine Blaskapelle angeheuert, um uns ein Ständchen zu spielen. Während des anschließenden Umtrunks teilte mir der Vertreter der Evangelischen Allianz mit, dass er, der doch in Marseille geboren und aufgewachsen sei, noch nie gesehen hatte, dass eine Gemeinde eine solche Gunst bei der Bevölkerung und den Politikern hat. Der Tag endete mit einem Anbetungsabend auf dem Platz in Anwesenheit von vielen Freunden. Eine Sache, die uns sehr berührt hat, war die Gegenwart der Delegationen unserer Tochtergemeinden aus Nyons, Bagnol und Valréas. Am Ende des Tages waren wir alle einer Meinung: „Die zehn Jahre Einsatz haben sich gelohnt und wir freuen uns schon auf unser Fest zum Zwanzigsten.“
In all den Jahren haben viele von euch uns mitgetragen, im Gebet, mit Ermutigung und mit Finanzen und wenn ihr dieses Zeugnis lest, vergesst nie, dass ihr diese Frucht mitbewirkt habt, denn der Herr ist treu und gebraucht einfache Menschen, um sein Reich zu bauen.
Danke, dass ihr uns mit eurer Treue helft selber treu zu sein.
Alles Liebe, Eure Lüttis
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(Missionsnachrichten 09/2004)
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