Heimat oder Fremde?
Eingetauscht: Leopoldstraße in
München gegen
staubige Landstraße in Rupaidiha
Bevor wir zum ersten Mal nach Indien ausreisten, besuchten
wir eine Missionarin im Ruhestand. Wir saßen
an ihrem Kamin, während es draußen – wie in London
üblich – regnete. „Oh, könnte ich wieder nach Indien“, seufzte
sie, „ich habe große Sehnsucht dorthin.“
Ich verstand sie nicht, denn ich hatte bei aller Berufung ein
bisschen Angst vor der Ungewissheit der Ferne, in die wir bald
mit unseren zwei kleinen Kindern aufbrechen würden.
In Indien angekommen, war da eine englische Ärztin, die
in die Heimat zurück fl og. Wir hatten jetzt genug Fuß gefasst,
dass ich der Kinder wegen nicht mehr ängstlich war.
Aber doch, ein bisschen neidisch war ich – und wenn es
nur für einen Sommerabend-Spaziergang in der Münchener
Leopoldstraße wäre.
Das war das erste Jahr. Danach ließen mich solche Situationen
neidlos, und noch später dachte ich: Die Armen – müssen
jetzt zurück nach Europa. „Heimat“, das haben wir schon
ziemlich früh definiert, ist da, wo Mann und Kinder sind. So
gesehen, waren wir eigentlich die meiste Zeit zu Hause – in
Europa oder Asien.
VIP – Very Important Person – bedeutende Persönlichkeit:
Wir hatten viele Deutschlandaufenthalte, jedes Mal haben wir
uns dann doch darauf gefreut. Schon allein die Unterbrechung
des Arbeitsalltags, das Treffen
von Verwandten und der Heimatgemeinde,
und in Velbert
waren wir immer VIPs. Als die
Kinder Internatsschüler waren,
aber noch klein genug für
Selbstunterricht, waren unsere
Europareisen auch verlängerte
Zeiten mit der Familie. Und
als sie ganz nach Deutschland
gingen, gab es genug Gründe
(Verlobungen, Hochzeiten, Enkelgeburten), um auch zwischen
den dienstlichen Deutschlandreisen, private Reisen
einzuschieben.
Aber wir waren jedes Mal wieder froh, nach Indien zurückzugehen,
teils, weil wir immer mehr selbst Teil der hiesigen
Gesellschaft und Kultur wurden, aber auch, weil wir uns hier
gebraucht und am richtigen Platz fühlten.
Einmal brachte meine Mutter am Abschiedstag das leckere
Sauerkraut auf den Tisch mit den Worten: „Kinder, im Flugzeug
werdet ihr das letzte gute Essen kriegen.“ Die Kinder
tuschelten sich zu: „Das erste!“
Back to the roots – zurück zu den Wurzeln: Im nächsten
Jahr wird alles anders sein. Wir gehen zurück nach Deutschland
– für immer – um dort zu bleiben, als Rentner. Im Moment
ist noch keine Abschiedsstimmung da. Zu sehr sind wir
im Stress, alles ordentlich zu übergeben. Aber wie wird es sein,
wenn wir wieder dort sind? Wird es uns gehen, wie der alten
Missionarin in England? Wir glauben nicht. Wir haben Kinder
und Enkel. Sie – soweit wir uns erinnern – nicht.
Natürlich werden wir uns mindestens ein Zimmer
indisch einrichten. Wir nehmen auch das indische
Kochbuch mit und ein paar CDs mit der Musik, die
wir lieben – dazu eine Unmenge Fotos, Telefonnummern
und E-Mail Adressen. Aber wir rechnen damit,
dass Gott auch dann für uns sorgt und dass Er das
Land, das uns in den ersten 30 Jahren Heimat war,
nicht zur Fremde werden lässt.
Besucht uns mal in einem Jahr. Dann werdet ihr
erfahren, wie es wirklich war und ist.
Stefan und Maria Winkler (Fokus Mission 01/2008)
|
|