Nun ist sie fort
Die Not der psychisch Kranken in
Indien
Noch vor wenigen Jahren mussten psychisch Kranke 200 km weit in ein christliches
Spezialkrankenhaus gebracht werden und das ging nur, wenn eine sorgende Familie
sich voll mit einsetzte. Herumirrende Kranke durften dort, laut
Regierungsbeschluss, nicht aufgenommen werden. Was tat man mit ihnen? Man lockte
sie in den Zug und ließ ihn abfahren. Problem „gelöst“.
Jetzt ist es etwas leichter geworden. Zwei Psychiater praktizieren in unserer
Nähe, einer 6 km nördlich, der andere 50 km südlich von uns. Aber die Kranken
brauchen auch jemanden, der sie dorthin bringt. Leute verstehen nicht, dass
„verrückt sein“ eine Krankheit ist und der Leidende wird wie ein gefährlicher
Hund angekettet, bis der Schub vorüber ist.
Dann gibt es noch eine gute Anzahl der nicht mehr sehr Kranken, die aber auch
nicht gesund genug sind, um unauffällig in der Gesellschaft
zu leben. Da gibt es keine Heime und Wohngemeinschaften wie in Deutschland.
Die Geschichte von Kanchan …
Kanchan ist eine Frau in den 30-ern. Irgendwann kam sie in unsere Gegend zum
Betteln. Sie nahm sich aber auch von den Verkaufsständen, was sie brauchte. Da
die Leute merkten, dass sie nicht normal war, wurde sie im Allgemeinen nicht
schwer dafür bestraft, aber jeder war froh, wenn sie weiterging.
Als der Winter am kältesten war und sie so fror, dass sie sich nicht mehr
fortbewegte, ließ sie sich auf unserer Klinikveranda nieder, bekam Decken,
Pullover, Schuhe und Essen und beschloss, nicht mehr weiterzugehen. Aus ihrer
Vergangenheit weiß sie nichts zu verraten. Nur an ihrer Sprache merkt man, dass
sie an der Ostküste, also eineinhalbtausend Kilometer von hier, aufgewachsen
ist. Unsere Klinikangestellten bemühten sich, zu ihr freundlich und hilfreich zu
sein und wir beteten regelmäßig für sie. Sie konnte die Liebenswürdigkeit selbst
und im nächsten Augenblick sehr aggressiv sein, wenn sie nämlich nicht, wie die
anderen Patienten, rote Kapseln oder Spritzen oder die Ohren ausgespült bekam.
Gott gab uns allen wirklich Gnade, geduldig mit ihr zu bleiben und das richtige
Beruhigungsmittel in sie hineinzubekommen, das leider nur eine kleine und
unattraktive weiße Tablette war. „Sie wird weitergehen, sobald es warm wird“,
dachten wir. Aber jetzt ist der Winter schon wieder vor der Tür und Kanchan ist
fester Bestandteil unserer Klinik geworden. Sie sitzt allmorgendlich in der
Andacht und geht dann mit zum Dienst. Sie zählt Tabletten aus – ohne Gefahr sie
zu stehlen, und wenn sie eine Abwechslung braucht, sagt sie den Patienten, wann
und wo sie sich hinsetzen sollen – meistens richtig. Sie ist gut und
abwechslungsreich gekleidet. Sachen, die unsere Mitarbeiter ihr gegeben haben.
Seit etwa drei Wochen ist sie auch in unseren Gottesdiensten und Bibelarbeiten
dabei. Was und wie viel sie von Jesus versteht, können wir nicht einschätzen,
Aber Er hat sie zweifellos enorm verändert und seine Erlösung ist nicht von der
menschlichen Begreiffähigkeit abhängig.
Noch viel mehr Frauen – schlimmer als Kanchan es war – sind auf unseren Straßen.
… und von Sangita
Von Sangita wissen wir nur den Namen. Hochschwanger bettelte sie. In der
Regenzeit schlief sie auf der Straße, weil dort das Wasser schneller abfloss.
Die Fahrzeuge mussten sich bequemen. Bei jedem Hilfeversuch wandte sie sich ab
und ging weg. Zur Entbindung hat es ein freundlicher Geschäftsmann fertig
gebracht, sie zum Regierungskrankenhaus zu bringen. Als sie vermutete, dass man
ihr das Töchterchen wegnehmen wollte, verschwand sie mit ihm in den frühen
Morgenstunden und war wieder auf der Straße. Das Kind ist inzwischen sicher
untergebracht
und Sangita bettelt weiter wie vorher, außer, dass sie nicht mehr schwanger ist.
Hoffentlich für länger, denn Betrunkene kommen jeden Abend in Scharen vorbei.
Vorerst können wir für Sangita nichts anderes tun, als beten. Jede Art von Hilfe
weist sie ab.
… wieder eine neue Frau
Heute kam eine neue Frau, auch mit abnormalem Verhalten. Sie hat drei Kinder,
die zwei älteren – etwa 3 und 5 Jahre alt – sind nackt und lethargisch mit
entzündeten Augen. Über ihren Mann, rät sie uns, nicht zu fragen, wenn wir nicht
einen Wutanfall sehen wollen. Wir wissen nur, dass er sie oft und schwer
geschlagen hat. „Wenn Ihr die älteren Kinder nehmt – mit dem Baby kann ich gut
betteln“, schlägt sie vor. Das ist jetzt ein ganz frisches Problem für uns.
Einstweilen hält sich die vaterlose Familie auf unserer Klinikveranda auf – die
Kinder inzwischen auch angezogen und mit Augensalbe versehen. Wir freuen uns
über jeden Menschen, dem Gott durch uns hilft. Vielleicht beruft er mal
jemanden, der/die noch mehr Seelenkranken, wie Kanchan und Sangita – von der
Neuen wissen wir den Namen noch nicht – effektiver und andauender helfen kann.
Nachtrag
Diesen Artikel habe ich im Oktober geschrieben. Jetzt ist es März. Kanchan ist
noch bei uns. Von Sangita haben wir keine neue Nachricht. Sie ist nicht mehr in
dieser Gegend. Und Malti – die Mutter der drei Jungen? Die beiden älteren Kinder
sind auf ihr Drängen hin in einem christlichen Kinderheim sicher untergebracht.
Malti hatte nicht damit gerechnet, dass sie große Sehnsucht nach den Kindern
kriegen würde. Eines Tages kletterte sie mit dem Baby auf einen Lastwagen und
ist weg. Adressen weiß sie nicht, weder unsere noch die ihrer Kinder.
Maria Winkler
(Missionsnachrichten 04/2005)
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Ob Malti ihre Kinder je wieder sehen wird?
Sprechstunde in der Klinik bei Maria Winkler
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