Der auferstandene Jesus Christus hat seiner Gemeinde
den Auftrag gegeben, das Evangelium in alle Welt zu
tragen. Die ganze Gemeinde und jeder einzelne Christ
soll daran beteiligt sein – einige sogar als hauptamtlicher
Missionar, d.h. Gesandter in eine andere Kultur. Wie
erkenne ich, ob ich zu diesem besonderen Dienst berufen
bin? Wie schenkt Gott Gewissheit?
Übernatürliche Berufungen:
Berufung – da denken wir
sofort an übernatürliche Ereignisse, wie der brennende
Dornbusch bei Mose (2. Mo. 3), die Engelserscheinung bei Gideon (Ri. 6), die Vision des Jesaja (Jes. 6) oder der
Lichtstrahl vom Himmel bei Saulus (Apg. 9), und diese
außergewöhnlichen Erfahrungen haben unser Verständnis
vom biblischen Begriff der Berufung geprägt.
Unscheinbare Berufungen:
Gott kann so spektakulär
eingreifen, doch in den meisten Fällen sieht seine Führung
ganz anders aus: unscheinbar, leise, schrittweise – und dies
ist viel mehr die Regel im Alten und Neuen Testament.
Beispiel Silas:
Betrachten wir zum Beispiel die Berufung
von Silas, jenem großen Missionar im Neuen Testament und
engsten Mitarbeiter des Apostel Paulus. Von seiner Berufung zum Missionsdienst lesen wir in Apg. 15,40 lediglich:
„Paulus aber wählte Silas und zog fort, von den Brüdern
der Gnade Gottes anbefohlen.“ Hier wird nicht erkennbar, dass Gott mit ihm direkt gesprochen hat – Silas erscheint
unbeteiligt und passiv. Im Mittelpunkt steht vielmehr der
Apostel Paulus, der sich in einer ernsten personellen Notlage
befindet. Nach der Trennung von seinem Kollegen Barnabas (Apg. 15,39) steht er alleine da und braucht dringend
Mitarbeiter. Da entsinnt er sich eines Silas aus Jerusalem,
der nach einem Kurzeinsatz in Antiochia unlängst wieder
abgereist ist. Paulus hat ihn persönlich kennen gelernt und
gut mit ihm zusammen gearbeitet. Jetzt aber ist er wieder in
seiner Heimatstadt Jerusalem2, 500 Kilometer südlich, eine
Weltreise in der damaligen Zeit. Paulus wählt diesen Silas
– und nicht einen der Mitarbeiter in Antiochia. Er scheut
keine Mühe und Umstände, um Silas als Mitarbeiter an
seiner Seite zu haben. Vordergründig ist es eine menschliche
Entscheidung von Paulus, geboren aus dem Mitarbeitereng-
pass, den guten persönlichen Erfahrungen während des
Kurzeinsatzes und strategischen Überlegungen. Dahinter
aber steht Gottes Führung, und Silas kann dies als Gottes
Berufung in seinem Leben annehmen. An diesem Beispiel
werden drei Grundprinzipien deutlich:
Gottes Berufen durch Fakten:
Gott gebraucht menschliche
Überlegungen, nüchterne Zahlen und Fakten. Bei William
Carey, dem Pionier der modernen Missionsbewegung vor
200 Jahren, waren es demographische Daten über verschiedene Länder, die ihm
die Augen für die noch unerreichten Völker öffneten.
Bei Nikolaus Ludwig Graf
von Zinzendorf war es eine
persönliche Begegnung mit
dem schwarzen, ehemaligen
Sklaven Anton. So erfuhr er
am Rande der Krönungsfeier
des dänischen Königs in
Kopenhagen vom Elend
der Sklaven in der Karibik
– und ein Jahr später waren
die ersten Missionare von
Herrnhut zu gerade dieser
Insel entsandt worden. Gott gebraucht Vernunft (Apg. 14,6),
Logik (Apg. 16,13), strategische Überlegungen (Apg. 13,6),
seelsorgerliches Mitgefühl (Apg. 15,37), Umstände (Apg.
14,19) und selbst Verfolgung (Apg. 9,24), um zu führen
und Gewissheit zu schenken.
Gottes Reden durch Mitchristen:
Zudem spricht Gott oft
nicht zur berufenen Person selbst, sondern durch andere
Menschen. Beim Apostel Paulus war es Ananias in Damaskus
(Apg. 9,15) und nicht Jesus selbst bei der eindrucksvollen
Erscheinung vor Damaskus, der ihm die Berufung zum
Apostel der Nationen zuspricht. Bei Timotheus war es Paulus
(Apg. 16,3), und bei Johannes Markus war es Barnabas ( Apg.
12,25). Immer wieder gebraucht Gott Menschen, um klare
Gewissheit zu schenken (Apg. 9,25.27.30; 11,25; 15,40). So
wird die persönliche Überzeugung (subjektive Berufung) ergänzt durch Faktoren und Umstände, die außerhalb der Person liegen (objektive Berufung). Dies gibt Gewissheit, die auch durch Krisen hindurch trägt.
|
Berufung als Prozess:
Berufung ist oft ein langer Prozess und nicht ein punktuelles Ereignis. Was bei Silas als eine spontane Entscheidung des Paulus erscheint, hatte tatsächlich
eine lange Vorgeschichte:
- Silas war ein bewährter Mitarbeiter in der Gemeinde in Jerusalem und wirkte beim Apostelkonzil mit (Apg. 15,22), jener grundlegenden missiologischen Entscheidung, wie man Christ wird und als Christ leben kann und ob die jüdischen Satzungen für alle verbindlich sind.
- Er wird anschließend von der Gemeinde und den Aposteln
als Vertrauensperson ausgewählt (V. 22) und zusammen mit Paulus und Barnabas nach Antiochia gesandt.
- Er wird als angesehene Person (V. 22) bezeichnet, d.h. eine Führernatur mit Autorität, eine Person, die klare Entscheidungen
zu treffen vermag, deren Wort Gewicht hat.
- Er hat sein Leben für Jesus eingesetzt (V. 26). Dies verdeutlicht seine Hingabe, seinen ganzen Einsatz, Dienstbereitschaft,
den Mut, Neues zu wagen, Risikobereitschaft und Tapferkeit, aber auch seine Kompromissfähigkeit, Weisheit und Liebe zu Jesus.
- Zusammen mit einem weiteren Mitarbeiter sollte Silas der Gemeinde in Antiochia die Apostelbeschlüsse mündlich erklären (V. 27), d. h. öffentlich bekanntmachen, proklamieren. Dies weist auf seine Redegabe und Kommunikationsfähigkeit
hin.
- Silas wird zudem als Prophet (V. 32) bezeichnet, als eine Person, die öffentlich verkündigt, Gottes Wort auslegt in die Lebenssituation der Zuhörer und von Gottes Geist geleitet wird.
- Er ermahnte die Brüder (V. 32), d.h. er war fähig, andere zu trösten, zu ermutigen, aufzurichten, seelsorgerlichen Zuspruch zu geben.
- Er ermahnte mit vielen Worten (V. 32). Dies unterstreicht
seine Beharrlichkeit und Ausdauer, den langen Atem.
- Silas stärkte die Gemeinde (V. 32), d.h. er festigt, baut auf, stützt die Schwachen, gründet die noch Jungen im Glauben. Er stärkt die Angefochtenen, ermutigt die Schwachen und arbeitet zielstrebig.
- Dies alles geschieht im multikulturellen Kontext der Gemeinde in Antiochia, einer der größten Städte im römischen Reich, die stark von der griechischen Kultur geprägt war.
Gemeinde als Trainingsfeld:
All diese Qualitäten von Silas sind nicht von heute auf morgen entstanden, sondern über Jahre des Dienstes langsam gewachsen. Die Mitarbeit in der Gemeinde in Jerusalem war keine verlorene Zeit. Sie war vielmehr Gottes Schule und Trainingsfeld, um geistliche Gaben zu entfalten, Erfahrungen im Dienst zu sammeln, im Glauben zu wachsen und sich im Missionsdienst zu bewähren: Gott bereitet seine Mitarbeiter zu! Dies ist nun die Person, die Paulus wählt. Insofern lautet die Grundfrage nicht: „Wie finde ich meinen Platz in der Weltmission?“ sondern vielmehr: „Wie werde ich die Person, die Gott gebrauchen kann?“
|
Gemeinde als Ort der Berufung:
Silas wurde in der Gemeinde
in Jerusalem gefördert; die Gemeinde wählte ihn aus und sandte ihn zum Kurzeinsatz nach Antiochia. Dort arbeitete Silas mit in Lehre, Unterweisung und Seelsorge. Die Gemeinde in Antiochia lernte ihn kennen. Sie adoptierte ihn und sandte ihn, den Fremden, als ihren Missionar aus: „Von den Brüdern der Gnade Gottes anbefohlen“ (V. 40) – d. h. gesegnet und gesandt. Wir sehen daran, dass mindestens zwei Gemeinden (Jerusalem und Antiochia) an der Vorbereitung, Berufung und Sendung des Silas teilhaben. Berufung gehört hinein ins normale Leben der Gemeinde.
Keine private Entscheidung:
Sind wir solche Gemeindemitarbeiter
wie in Jerusalem, die einen fähigen Silas wahrnehmen, fördern, zum Leiter aufbauen, Verantwortung übertragen, ja sogar in den Leitungskreis mit hinein nehmen, um so die nächste Generation von Leitern zu schulen? Halten wir die Augen offen nach potentiellen Missionaren? Geben wir jungen Menschen eine Perspektive dafür, was Gott aus ihrem Leben machen könnte? Sind wir Mitarbeiter, die Berufungen aussprechen, wie die Gemeindeleitung in Jerusalem oder Paulus,
die gezielt Menschen ansprechen? Dies ist eine Anfrage an alle Jugendgruppenleiter, Kindergottesdienstmitarbeiter, Gemeindeälteste, Seelsorger und Pastoren. Ja, das ist unsere Verantwortung vor Gott. Die Berufung von Silas war keine private, persönliche Entscheidung. Viele Menschen hatten Anteil, waren einbezogen in das Geschehen, und das berufende
Wort des Paulus „Er aber wählte Silas“ (V. 40) schenkte letzte Gewissheit. Haben wir so wenige Missionare heute, weil Gemeindeverantwortlichen der Mut fehlt, Berufungen auszusprechen und vielleicht sogar ihre besten Leute zu senden? Durch Sendung von Missionaren wird eine Gemeinde nicht ärmer, sondern bereichert.
Und ich?
Bin ich selbst bereit, mich senden zu lassen, d. h. die Anfrage einer verantwortlichen Person betend zu bewegen und als Gottes Reden in meinem Leben anzunehmen?
So haben David, Silas, Paulus, Johannes Markus und Timotheus ihre Berufung erfahren. Oder schreiben wir Gott vor, wie er zu uns reden müsse und gelangen vielleicht nie zur Gewissheit? Hier ist jeder von uns gefragt. Wir alle sind als Beter und Ermutiger gerufen, Missionsinteressierte in der Vorbereitung zu umbeten, beraten und persönlich zu begleiten. Wir alle dürfen teilhaben an der Berufung und Sendung von Menschen, dürfen Gottes Werkzeug sein. Stehe ich Gott zur Verfügung? Gott will mein Leben ganz. Er will es heute haben. Er will durch mich handeln – als Beter und Ermutiger, als Unterstützer und Missionspartner, als Person, die Berufungen ausspricht, als Teil einer sendenden Gemeinde – vielleicht auch als Person, die er sendet. Jeder Nachfolger Jesu ist zur Tür seines Nachbarn berufen, zu seinem Arbeitskollegen und Bekannten – mancher auch in ein anderes Land. Ja, Dein Leben zählt!
Dr. Detlef Blöcher, DMG Februar 2001
1) Die Begriffe „Missionar“, „Gesandter“ etc. werden hier als Gruppenbezeichnungen
gebraucht und gelten in gleicher Weise für Frauen und Männer.2) So müssen wir aus Apg. 15,33 schließen. Erst in späten Handschriften findet sich V. 34. Sollte damit der riesige Aufwand geringer und damit verständlich gemacht werden?
Ddr. Ddetlef Bblöcher ist Missionsdirektor
der Deutschen Missionsgemeinschaft (DMG) und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Evangelikaler Missionen (AEM). Diesen Artikel hat er uns mit freundlicher Genehmigung
zur Verfügung gestellt.
|