Habt diese Gesinnung in euch, die
auch in Christus Jesus, der in Gestalt Gottes war und es nicht für
einen Raub hielt, Gott gleich zu sein. Aber er machte sich selbst zu
nichts und nahm Knechtsgestalt an, indem er den Menschen gleich
geworden ist, und der Gestalt nach wie ein Mensch befunden,
erniedrigte er sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja, zum
Tod am Kreuz (Philipper 2,5-8) Jesus wurde
Mensch. Dieselbe Aufgabe ist uns gestellt. Wir sind in dem Sinne
Gesandte Jesu und bevollmächtigte Botschafter, wenn wir in der
Heimat oder auf dem Missionsfeld unseren Nachbarn oder
Arbeitskollegen „Mitmensch“ werden – zur Ehre Jesu.
Vers 5 zeigt den Abfassungszweck des hier eingeleiteten Abschnitts.
Die Christen zu Philippi sollen Jesus nachahmen. An seinem Beispiel
soll gelernt werden, wie die Gläubigen ohne Selbstsucht und
Ruhmsucht miteinander leben können. Dies ist in erster Linie keine
Verhaltensregel, sondern eine Gesinnungsfrage. Selbstsucht wird dort
ausgeschaltet, wo man sich entschließt, sich selbst loszulassen und
für andere zu leben. Dies wird am besten am Beispiel Jesu
veranschaulicht. Was nach Vers 5 folgt ist ein, für Paulus eigener,
abschweifender Lobgesang auf Christus. Es handelt sich in den Versen
6–11 um ein zweistrophiges Lied, oder eher eine Hymne, die schon
früh im Gebrauch der ersten Gemeinden war.1 Ich möchte
hier die erste Strophe, Verse 6–8, aus missionarischer Sicht
auslegen.

Wesley und Zinzendorf
Die Gesinnung Jesu
Paulus zeigt zunächst, was für einen Verzicht unser Herr auf sich
nahm um seine Mission zu erfüllen. Vormals war er Gott gleich und
wurde in dieser Gleichheit erkannt und geehrt. Die Herrlichkeit
seines Daseins bestand nicht in erster Linie darin, dass er auf
goldenen Gassen im Himmel wandeln konnte, sondern in der Gegenwart
Gottes seinesgleichen fand. Worte fehlen uns, die Liebe, Ehre und
Harmonie zwischen Vater und Sohn zu beschreiben. Auf jeden Fall
fanden Vater und Sohn, gemeinsam mit dem Heiligen Geist, ihre
wechselseitige Erfüllung ineinander. Jesus war willig, diese
Herrlichkeit, dieses Heim, bei Seite zu legen und seine Liebe ganz
anderen Objekten zuzuwenden.
Er „hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein“. Es
gibt zweierlei Arten, etwas zu rauben. Zunächst kann etwas geraubt
werden, was einem nicht gehört. Luzifer und Adam wollten beide Gott
gleich sein und strebten danach, sich neben dem Allmächtigen einen
Thron zu bauen. Jesus fällt nicht unter diese Sorte Räuber, weil er
ja schon Göttlichkeit besaß und nicht mehr danach greifen musste.
Die zweite Art zu rauben besteht in der Weigerung, mit den Armen zu
teilen. Ambrosius sagte: „Speise den Hungernden, wo nicht, so
hast du ihn getötet.“2 Man kann seinen Besitz so
eigennützig verwalten, dass der Geiz zum Raub an anderen wird.3
Hier fällt Jesus aus der Rolle. Er will nicht Gott für sich sein. Wo
die Welt einen sündlosen Menschen als Opfer braucht, wo nach einem
göttlichen Erlöser geschrieen wird, kann Jesus nicht auf seiner
Herrlichkeit sitzen bleiben, sondern ist getrieben, sich selbst um
andere dranzugeben. Jesu Göttlichkeit strahlt hier nicht nur aus
seinem Wesen hervor, wie die meisten Kommentatoren finden, sondern
gerade aus seinem selbstlosen Umgang mit der eigenen Herrlichkeit.
Die Philipper und wir sollen so selbstlos werden – und
wir können es. Denn wenn wir in Jesus leben, haben wir einen Raum
gefunden, in dem sich für andere dasein lässt. Wir können nicht mehr
so tun, als ob wir nur für uns allein lebten. Wenn Jesus seine
unermesslichen Gaben teilen konnte, dann sind auch wir imstande,
unsere verglichenen Armseligkeiten anderen zur Verfügung zu stellen.
Die Christologische Begründung der Außenmission
Jesu Weggang aus dem Himmel führte ihn in die Fremde. Seine
Sendung war im wahrsten Sinne des Wortes Außenmission. Durch die
Sünde und Verdorbenheit auf diesem Planeten gab es für Jesus wohl
keinen feindlicheren Platz im Universum, keinen gottverlasseneren
Ort. Obwohl die Welt durch ihn erschaffen wurde (Kol. 1,16) und er
sein Eigentum betrat (Joh. 1,11), stieß er mit seiner Mission
meistenteils nur auf Unverständnis, welches später in Hass umschlug
(Joh. 15,18).
Gebührend begrüßt wurde der Missionar Jesus nicht. Schon
früh musste er der hässlichen Fratze der Sünde und ihrer Folgen ins
Angesicht sehen; z. B. bei seiner ärmlichen Geburt oder als
Flüchtling im Kleinkindalter.
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Was Jesus mit dem Himmel aufgab ist für uns nicht zu erschließen. Es
eignet sich
auch nicht für den Vergleich zwischen der Heimatkultur und dem
Arbeitsfeld
irgendeines Missionars. Die Entfremdung, Anfeindung und der
Kulturschock, den Jesus hat erleiden müssen, stehen in ihrem Ausmaß
nirgendwo in der Nähe von dem, was wir anderen Missionare aushalten
müssen. Wir erniedrigen uns nicht bei der Ausreise, doch geht es
auch für uns in die Fremde. Es geht um Widrigkeiten derselben Art.
Die Befremdung seitens des Missionars, die Beäugung seitens der
Einheimischen, dies sind Elemente, die für die Mission typisch sind.
Sendung, in der Person des Gesandten und seiner Botschaft, bedeutet
immer Neues, Unbequemes, Interessantes. Jesu Sendung brachte den
Menschen, deren religiöse Gedankenwelt bis dahin im eigenen Saft
kochte, ein alles umkehrendes Verständnis und Verhältnis zu Gott.
Wir treiben Außenmission nicht aus Abenteuerlust oder
Kulturinteresse. Das Mandat unseres Wirkens hat noch niemals bei
geringen Kosten, schnellen Ergebnissen oder reiselustigen
Weltverbesserern gelegen. Noch viel weniger können wir Deutschland
mit dem Himmel vergleichen, von wo aus wir andere Länder mit uns
selbst beglücken möchten. Wir senden Menschen in andere Stämme und
Völker, weil wir damit Christus nachahmen. Die Missionsbewegung hat
ihren Ursprung im Himmel, „Wie der Vater mich gesandt hat,“
und wirkt fort in der Gemein- de, die der Herr Jesus sich erkauft
hat, „so sende ich euch“ (Joh. 20,21). Lediglich Geld zu
senden, sich ausschließlich auf die Unterstützung einheimischer
Mitarbeiter zu versteifen oder selbst diese lieber gelegentlich zu
uns einzuladen, all dies lässt bei einem wahrhaft christologischen
Anspruch an Mission das wichtigste Element offen: die Sendung. Die
Sendung
Jesu als Vorbild für aktive Missionsarbeit aus der Ortsgemeinde
Mit dem Verlassen des Himmels schlägt Gott eine völlig andere
Richtung im Heilsgeschehen ein. Hatte zur Zeit des Alten Testamentes
stets sein Wirken auf die Einrichtung einer Heilsstätte auf Erden
gewirkt, wie z. B. Silo oder Jerusalem, so kehrt sich der Herr von
diesem Prinzip mit der Sendung Jesu ab. Nicht der Gläubige soll
pilgern, sondern Gott wird mobil und kommt in eigener Person zu uns.
Die Nähe Gottes wird nicht mehr an einem zentralen Ort symbolisch
dargestellt, sondern es beginnt eine Religion des Geistes, die
örtliche Begrenzungen leicht überfliegt (Joh. 4,21). Seit Pfingsten
gibt es kein Hauptheiligtum mehr, eine zentrale Anbetungsstätte
führt zu leicht zurück zu Ränkeschmieden und Götzendienst mit
frommen Souvenirs. Dies mag auch der Grund sein, weshalb der Herr es
zuließ, dass die erste Gemeinde in Jerusalem sich nicht zu sehr in
der Stadt etablieren konnte; zumal die Verfolgung und Zerstreuung
der Christen zu einer neuen Wachstumswelle führten (Apg.11,19). Die
Mobilität der Massen, besonders die Arbeitsimmigration im
vergangenen Jahrhundert, ist deswegen ein wesentlicher Faktor in der
Ausbreitung der weltweiten Pfingstbewegung. Je geistdurchwirkter der
Glaube ist, desto weniger braucht er Pilgerstätten und
Hauptquartiere.
Leider sehe ich den Trend in einigen Gemeinden, die
augenscheinlich zum alttestamentlichen und zentralistischen
Missionsprinzip zurückkehren möchten. Die Gemeinde ist offen für
jeden, sie dient vielen Bedürfnissen, auch kurzzeitig denen der
besuchenden Missionare, aber sie sendet keine eigenen Missionare
mehr. Woran auch immer es liegen mag, fehlen- de Vision, Pluralismus
der Missionsinteressen, mangelnde finanzielle Mittel, wenig Bürde
für andere Länder: es fehlt die Sendung aus den eigenen Reihen. Wie
hat sich der Himmel mit Jesus identifiziert, z. B. als zu
Weihnachten der große Chor nach Bethlehem geschickt wurde! Und welch
ein großes Sendungsbewusstsein hat unser Herr gezeigt, besonders
anschaulich beim Evangelisten Johannes dargestellt. Er wusste, wen
er vertrat und für welche Werte er ein- stand. Die gegenseitige
Identifikation zwischen Gesandten und Heimatgemeinde ist die größte
Notwendigkeit in der gegenwärtigen Situation, weitaus größer als
Finanzen oder Kommunikation. Ich weiß, wie wichtig es ist und was
für einen Segen ich empfange, wenn ich nach Jahren draußen in meine
Heimatgemeinde komme und mit folgenden Worten begrüßt werde: „Heute
haben wir unseren Missionar bei uns!“ Die beste Methode: der
eingefleischte Missionar
Durch seine Menschwerdung („Fleischwerdung“) erreichte unser Herr
solch einen Grad an Identifikation mit seiner Zielgruppe, dass viele
ihn selbst heute nur als Menschen ansehen. Er legte keinerlei
Göttlichkeit ab, verzichtete allerdings auf ihre Darstellung und
deren Ehrerbietung.4 Eine Weihnachtskarte drückt dies
sehr treffend aus: „Schon viele Menschen wollten Gott sein
…(Portraits von Buddha, Lenin, Hitler u. a.) – aber nur ein Gott
wollte Mensch sein – Jesus Christus.“ Nirgendwo hörte der Herr auf,
Gott zu sein, allerdings „legte er die Insignien der Majestät ab“ (Lightfoot).
Die Vollmacht und Erkenntnis, die seiner Göttlichkeit innewohnen,
hatte der Herr Jesus zu seiner Zeit auf Erden ganz unter den Befehl
des Vaters gestellt und sich dann der jeweiligen Bemächtigung durch
den Heiligen Geist überlassen.
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Jesus ging wie alle anderen Jungen im Dorf schon als Sechsjähriger
in die Synagogenschule. Er lernte einen Beruf, stand betroffen am
Straßenrand, als Besatzungstruppen durchs Land zogen, beobachtete
Jahreszeiten, das Firmament, Landwirtschaft, Fischerei, Bankwesen
und Hochzeitsbräuche. Jesus sprach mit örtlichem Akzent. So sehr
wurde er einer von ihnen, dass jedes Wort für seinen Umkreis
relevant wurde. Er sprach einfach, dennoch enthüllten die simplen
Worte unerschöpfliche geistliche Wahrheiten. Vom Erfolg seiner
Mission zu schließen, müssen wir zugeben, dass der eingefleischte
Missionar Jesus ein größtmögliches Maß an 7Annäherung zu den
„Einheimischen“ fand. Deswegen bleibt seine Methode unsere Aufgabe.
Paulus amte Jesus schon nach, als er schrieb, dass er den Juden wie
ein Jude und den Griechen (denen, die nicht unter dem Gesetz stehen)
ein Grieche geworden sei (1. Kor. 9,20 f.) Es gibt sehr viele Klüfte
zwischen dem Missionar und den Menschen, die er erreichen will. Die
meisten können überbrückt werden, wenn der Gesandte denn nur den
Wunsch mitbringt, eingefleischt zu werden. Kultur kann ertastet und
verstanden werden, Sprache kann gelernt werden, Schiefes kann mit
Humor angenommen werden, Schmutz kann beseitigt oder auch ertragen
werden, Frömmigkeitsstile und Temperamentsfragen können vom Kern der
Sache getrennt werden, Lebensstandards können je nach Lage hinauf
oder heruntergeschraubt werden. Irgendwann kommt dann das
Kompliment,

Mission in Neuseeland am Anfang
des 19. Jahrhunderts
dass der Missionar schon wie „einer von uns geworden ist“. Nur
dann, wenn der Botschafter in den Herzen angenommen ist, kann auch
die Botschaft auf fruchtbaren Boden fallen. Dies braucht Zeit und
Geduld, zwei wesentliche Bestandteile guten Missionshandwerks. Diese
Annäherung wird natürlich nie zu einer völligen Angleichung führen.
Doch wird allein die Mühe um Identifikation in den meisten Kulturen
hoch geachtet.
Der tiefste Punkt ist die größtmögliche Annäherung
Jesu Tod am Kreuz steht hier bei Paulus nicht in erster Linie für
das Erlösungsgeschehen, wie an anderen Stellen, siehe 1. Kor. 1,18;
Kol. 1,20; 2,14, sondern für den Punkt tiefster Erniedrigung in
seinem Menschendasein.5 Jesus hat Menschsein nicht auf
irgendwelchen humanistischen Höhenflügen kennen gelernt, hat auch
nicht, wie uns manchmal in der Sonntagsschule weiß gemacht wurde,
mit Josephs Meißeln die schönsten Kunstwerke vollbracht. Sicherlich
hat der Herr durch Familie, Freunde und Natur manches Schöne kennen
gelernt und auch genossen. Seine Mission bestand allerdings nicht
darin, diese Seite des Menschseins gänzlich zu erfahren, sonst hätte
er sicherlich eine Familie gegründet, schöngeistige Bücher
geschrieben, monumentale Bauten hinterlassen u. v. a. m. Hingegen
stieg Jesus in unsere Misere herab. Er ist unser Leidensgenosse
geworden. Die dunkle, eiternde, schmerzverzerrte, krampfende und
verzweifelte Seite unseres Daseins kennt Jesus.
Als Missionare stehen wir ständig im Spannungsfeld zwischen
Annäherung und Abgrenzung an den hiesigen Lebensstil. Die meisten
Bemühungen gehen natürlich dahin, „afrikanischer“ oder „asiatischer“
zu werden. Allerdings können wir z. B. unsere Kinder nicht unterm
Baum einschulen, um dann auf ihre Kosten zu behaupten, den
Afrikanern ein Afrikaner geworden zu sein.
Über allen praktischen Fragen steht die Gesinnung und das Beispiel
Jesu. In Afrika, auf jedem Missionsfeld, kann man so viele
Standpunkte und Meinungen vertreten, dass es einem auch als
Missionar schwierig wird, den eigenen Weg zu finden. Die betroffene
Haltung von Ökotouristen oder das kulturelle Bemühen gerade der
Katholischen Kirche, diese Standpunkte sind sicherlich in sich
wertvoll. Es ging Jesus allerdings um mehr. Mission und der
Missionar wird erst da wirklich relevant, wo er die ihm anvertrauten
Menschen nicht nur in Teilbereichen ihres Lebens berührt, sondern
mit ihnen durch Dick und Dünn geht. Gerade gemeinsames Leiden
schweißt zusammen. Die Ganzheit unseres Daseins wird besonders da
berührt, wo ein Mensch zum Glauben kommt. Der Weg zum Glauben ist
auch immer Leidensstrecke, einer natürlichen Geburt ähnlich.
Deswegen bleibt die Predigt vom Kreuz Christi, die einen völligen
Anspruch an ihre Hörer stellt, die dringendste und vornehmste
Aufgabe jedes Missionars. |