 |
 |
Zwischen alter Tradition und modernem Leben:
Doch wie ist die Türkei wirklich?
 |
Nicht jede Hochzeit beginnt mit einer großen Liebe. Es gibt Ehen, die allein aus
praktischen Gründen geschlossen werden, so genannte Vernunftehen, bei denen
beide Partner die Erwartung hegen, aus ihrer Verbindung und gegenseitigen
Verpflichtung für sich persönlich Nutzen zu ziehen. Es kommt vor, dass die
merkwürdigsten Paare vor den Traualtar treten und sich die schlimmsten
Voraussagen der Unglückspropheten trotzdem nicht bewahrheiten, weil die Ehe
gelingt.
Diesen analogen Vergleich zur Ehe möchte ich auf die zukünftige Mitgliedschaft
der Türkei in der Europäischen Union anwenden. Es handelt sich hier nicht um
eine Liebesbeziehung. Es ist eine reine Vernunftehe, und beide Partner erhoffen
sich von der zukünftigen Verbindung persönliche Vorteile.
In einer normalen Ehe müssen Verbindlichkeit, Vertrauen, Ehrlichkeit,
gegenseitiges Verstehen, gute Kommunikation und realistische Erwartungen
vorhanden sein, damit die Ehe gelingt und die Liebe wachsen kann. Genau die
gleichen Faktoren sind meiner Meinung nach notwendige Voraussetzungen für die
Verbindung der Türkei mit Europa. Hier stellen sich nun einige Fragen: In
welchem Maße sind diese wesentlichen Komponenten für eine Mitgliedschaft in der
EU vorhanden? Wie gut kennen sich die zukünftigen Eheleute? Werden falsche
Vorstellungen und Vorurteile die Ehe kaputtmachen (wie eine sich ständig
einmischende Schwiegermutter)? Wie wird sich die islamisch bzw. christlich
geprägte Herkunft der Partner vertragen? Wir können es uns nicht leisten, diese
Fragen einfach zu ignorieren.
Verbindlichkeit
Die Türkei hat seit vielen Jahren beständig um Europa geworben und große und
kostspielige Schritte in diese Richtung unternommen. Europa war es, die
kokettiert, ihren „Freier“ Türkei an der Nase herumgeführt und immer neue
Zugeständnisse als Beweis, dass er es ernst meint, gefordert hat. Am 17.
Dezember 2004 hat Europa nun endlich ja gesagt. Die Heirat wird also
stattfinden. Die beiden sind versprochen, und das ist ein gutes Zeichen für die
Zukunft.
Vertrauen und EhrlichkeitEs herrscht allerdings immer noch ein
gewisses Misstrauen zwischen Braut und Bräutigam. Gibt es vielleicht
irgendwelche versteckte Absichten? Zeigt sich der Bräutigam bis zur
Hochzeit lieb und einsichtig, nur um anschließend sein wahres Gesicht zu
zeigen und seine Angetraute gewaltsam zu unterdrücken, indem er ihr
seinen Willen aufzwingt und versucht, ihr fremde Sitten und Gebräuche
aufzudrücken? Wird die Braut ihm treu sein, oder wird Europa die Türkei
betrügen? Vertrauen kann sich nur über einen längeren Zeitraum
entwickeln und auch nur, wenn man bereit ist, gemeinsam Risiken
einzugehen. Die Zukunft wird diese Fragen beantworten müssen. Aber genau
hier sollten die Gebete der Gemeinde Jesu ansetzen, damit geheime
Gedanken ans Licht kommen und die Wahrheit sich durchsetzt.
Gegenseitiges Verstehen und gute Kommunikation
Meine Beobachtung als europäischer Christ, der in der Türkei wohnt, ist die,
dass gerade auf diesem Gebiet das Potential für eine Menge zukünftiger Probleme
lauert. Viele Europäer verbringen ihren Urlaub in der Türkei oder haben einen
türkischen Arbeitskollegen und meinen, sie würden deshalb die Türken verstehen.
Viele Türken andererseits sehen europäische Fernsehprogramme oder haben
Verwandte, die in Deutschland arbeiten, und meinen, dadurch alles über Europa zu
wissen. Die gegenseitige |
|
Ignoranz ist erschreckend. Ich maße mir nicht an, ein
Experte zu sein. Nach sechzehn Jahren in diesem Land bin ich immer noch am
Lernen und erlebe immer wieder Überraschungen, doch das beweist nur, wie nötig
es ist, miteinander zu reden, und wie groß die Schwierigkeiten sind, um die es
geht. Sehr oft wird die Kommunikation auch unverhohlen behindert. Ich habe
beispielsweise bis heute nicht einen türkischen Moslem getroffen, der auch nur
die leiseste Ahnung von biblischem Christentum gehabt hätte; aber sobald man
versucht, es jemandem zu erklären, wird man von anderen beschuldigt, die Leute
bekehren zu wollen, und als „Missionar“ abgestempelt, der nach ihrer Vorstellung
ein von seiner Regierung unterstützter Agent ist und böse Absichten gegen den
Staat hegt. Ein echter Dialog wird deshalb abgelehnt, und anfänglich kleine
Maulwurfshügel von unbedeutenden Problemen und Schwierigkeiten werden unter den
Teppich gekehrt (um unterschiedliche Metaphern zusammen zu verwenden), nur um zu
einem späteren Zeitpunkt als ausgewachsene Berge wieder aufzutauchen. Die
Weisheit der Welt lautet: „Behaltet eure Meinungsverschiedenheiten doch einfach
stillschweigend für euch“, aber jeder Eheberater weiß, dass damit die
Katastrophe vorprogrammiert ist. Gute Kommunikation ist absolut notwendig. Wir
Europäer müssen den Türken zuhören, und die Gemeinde unseres Herrn Jesus
Christus hat die gewaltige Aufgabe, dem türkischen Volk das Evangelium auf
liebevolle und einfühlsame Weise nahe zu bringen und für bereitwillige Ohren zu
beten, die das Wort hören, es in einem guten, redlichen Herzen aufnehmen und
Frucht bringen (Lukas 8,15).
Bis jetzt haben die Türken als Volk ein völlig unzutreffendes Bild vom
Christentum, das auf orthodoxen Konventionen, den Kreuzzügen, Hollywoodfilmen
und einem unzureichenden Religionsunterricht in den Schulen beruht. Wir müssen
die Lügengebäude zerstören, indem wir die Wahrheit so deutlich wie möglich
darlegen.
Erwartungen und Meinungen
Europa kann mit einer dynamischen jungen Generation rechnen, die seine
Arbeiterschaft mit Nachwuchs versorgt. Zudem hat die Türkei durch ihre
strategische Lage an der Grenze zwischen Europa und dem Nahen Osten und durch
ihre große Armee eine nicht zu unterschätzende militärische Bedeutung. Und was
erwarten die Türken von Europa? Diese Frage habe ich einigen meiner türkischen
Bekannten gestellt. Lasst uns hören, was sie dazu sagen.
Mustafa ist 25 Jahre alt, Englischlehrer, ein überzeugter Moslem und sehr stark
für eine EU-Mitgliedschaft. Seine Erwartungen für die Türkei sind größere
Freiheiten und eine bessere wirtschaftliche Entwicklung. Seiner Ansicht nach
profitiert auch die EU von der Mitgliedschaft, weil die Türkei eine jugendliche
Bevölkerung und eine große Landmasse aufzuweisen hat, die beträchtliche
Möglichkeiten birgt, den landwirtschaftlichen Bedürfnissen Europas wie auch der
Türkei zu begegnen. Mustafa rechnet allerdings auch mit Problemen, da beide
Seiten sich auf die andere Kultur einstellen müssen. Europa wird wahrscheinlich
unter einer größeren wirtschaftlichen Belastung und einem Zustrom von
Arbeitssuchenden zu leiden haben. Die Türkei wird für Religionsfreiheit sorgen
müssen. Zu einer guten Kommunikation gehört auch, sich den gegenseitigen
Vorurteilen zu stellen und diese nach Möglichkeit zu überwinden.
Ramazan ist ein einflussreicher führender Mann in der Stadt. Er betrachtet die
Mitgliedschaft der Türkei in der EU als etwas, wovon das Land nur profitieren
kann, meint aber, dass das Thema Armenien vielleicht Probleme verursachen
könnte. Auch er erkennt die Notwendigkeit an, dass die verschiedenen Religionen
sich gegenseitig tolerieren müssen, gab mir jedoch zu verstehen, dass „ein
Wechsel von einer Mannschaft zur anderen“, d.h. eine Bekehrung, nicht akzeptiert
werden sollte. Die Freiheit, seine Religion selbst zu wählen, ist für Türken
eindeutig ein fremder Gedanke.
|
Ayhan ist 45 Jahre alt und Sportlehrer. Er meint, die EU-Mitgliedschaft der
Türkei wäre positiv für das Land, traute sich aber nicht, sich näher dazu zu
äußern, aus Furcht, etwas Falsches zu sagen. Freie Meinungsäußerung ist für die
meisten Türken ein Traum, der noch in weiter Ferne liegt. Wer etwas Falsches
sagt oder Umgang mit den falschen Leuten pflegt, wird schnell zum Ausgestoßenen
und riskiert, seine Freunde und sein Geschäft zu verlieren.
Figen ist ebenfalls Lehrer. Er meint, die Türkei sollte der EU nicht beitreten.
Die Türken haben eine völlig andere Kultur mit starken sozialen Bindungen,
besonders innerhalb der Familie. Wenn die Türkei zu Europa kommt, wird diese
einzigartige Kultur degenerieren, weil sie dem negativen Beispiel der unsozialen
Kultur Europas mit ihren zerrütteten Familien und ungeliebten Kindern folgt.
Nach Ansicht von Figen wird die Türkei aber gar nicht aufgenommen. Man wird zu
viele Zugeständnisse von ihr fordern, die den Nationalstolz der Türken
verletzen, beispielsweise im Hinblick auf Zypern. Auch hat die Türkei Europa
nicht genug zu bieten, außer vielleicht eine moderate Form des Islam, im
Gegensatz zu dem im Iran oder in Saudi-Arabien herrschenden strengen Islam.
Gülcan ist in Deutschland aufgewachsen, zieht es aber vor, in der Türkei zu
leben. Sie wünscht sich, dass die Türkei zu Europa kommt, auch wenn dies noch so
unwahrscheinlich ist. Die Anpassung der türkischen Menschen an die europäische
Lebensweise wird ganz bestimmt problematisch sein. Die relative Stabilität
Europas gestattet es den Menschen, langfristig zu planen, während die Türken
Opportunisten sind, die die Gelegenheit beim Schopf ergreifen und von Natur aus
kurzfristig denken. Eine plötzliche Freiheit könnte zu Verwirrung führen.
Abschließend lässt sich sagen, dass die Türken einer Mitgliedschaft ihres Landes
in der EU mehrheitlich positiv gegenüberstehen und sich davon Wachstum und
wirtschaftliche Entwicklung versprechen. Gleichzeitig haben sie aber auch Angst
vor negativen Einflüssen auf die türkische Kultur. Politisch und wirtschaftlich
kann die Ehe zwischen zwei Fremden gelingen.
Aus christlicher Sicht sollte ein EU-Beitritt mehr Rechte für Christen bedeuten
und es ausländischen Arbeitnehmern leichter machen, im Land zu wohnen. Solange
die türkische Kultur jedoch mit dem Islam gleichgesetzt wird, werden die Türken
gegen die Gemeinde Jesu und besonders gegen die Bekehrung von Moslems sein, weil
sie diese als eine Bedrohung für ihre kulturelle Identität ansehen. Die
Verfolgung und Unterdrückung von Christen würde von daher nicht länger die
„Aufgabe“ des Staates sein, der ja an das europäische Gesetz gebunden wäre,
sondern von Einzelpersonen oder Banden ausgehen, die das Recht selbst in die
Hand nehmen. Der EU-Beitritt allein wird der Gemeinde Jesu in der Türkei kein
Wachstum bescheren noch sie vor Verfolgung schützen – dazu bedarf es des
souveränen Wirkens Gottes, damit er die Ehre bekommt und nicht die Gesetzgeber
der EU.
Als Paulus die Vision von einem mazedonischen Mann erhielt, der um Hilfe bat,
wurde ihm keine einfache Zeit der Erweckung verheißen. Im Gegenteil, es war eine
Einladung zu Schlägen, Gefängnis und Ausweisung aus der Provinz. Die
unmittelbare Frucht der Evangeliumsverkündigung war nichts, was die
„Unterstützer“ von Paulus in seiner Heimatgemeinde Antiochien zu großen
Begeisterungsstürmen hingerissen hätte. Trotzdem befanden sich Paulus, Silas,
Timotheus und Lukas im Gehorsam gegenüber Gott und seiner Berufung in
Mazedonien.
Wo sind die gehorsamen Diener Gottes, die einen Ruf für die Türkei haben?
|