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Als glücklicher Single in der Mission

Wenn man bedenkt, dass auch hierzulande Singles oft als „nicht vollwertig“ angesehen werden, kann man sich vorstellen, dass es in einer ausgesprochenen „Kultur der Verheirateten“ noch schlimmer ist. In Deutschland muss man immer mal wieder mit Kommentaren wie „Ach, du kriegst auch noch eine/n ab“ und „Eines Tages schickt dir der Herr auch jemand“ umgehen lernen, aber in der Mission kann einem das blanke Entsetzen aus den Augen der Einheimischen entgegenkommen, wenn sie hören, dass man nicht verheiratet ist.

Während 14 Jahren Afrika und Südasien habe ich einiges erlebt. In diesen Kulturen sind Singles die absolute Ausnahme. Familie ist die normale Form des Zusammenlebens. Was in den Köpfen der Einheimischen vorgeht, kann man nur erraten: „Irgendwas muss mit ihr/ihm nicht stimmen“, „Ob sie/er krank ist?“ oder „Ob sich niemand in der Familie darum gekümmert hat, dass sie/er heiraten kann?“ Die meisten Ehen dort sind arrangierte Ehen, bei denen Angehörige die Ehepartner auswählen und die „Verhandlungen“ führen. So denken sie, für uns hat niemand gut gesorgt.

Zumindest denken sie am Anfang so. Meine Erfahrung ist, dass sie allerdings mit der Zeit begreifen, dass für uns die Berufung unter Umständen wichtiger war als zu heiraten. Das wiederum, so habe ich es erlebt, fasziniert die jungen Leute. Viele haben mich darauf angesprochen und gesagt, dass ich ihnen ein Vorbild bin, denn ich fragte zuerst nach dem Willen Gottes für mein Leben. Und den wollte ich umsetzen und kein Mann auf dieser Welt hätte mich davon abhalten können. In den Entwicklungs- oder so genannten Schwellenländern beginnt sich aber auch eine Veränderung abzuzeichnen. Dort, wo Mädchen auf weiterführende Schulen gehen oder studieren, hebt sich auch das Heiratsalter. Wo man noch vor zwei Jahrzehnten im Alter von 25 als „alte Jungfer“ galt, ist es heute auch o.k.

erst mit 30 zu heiraten. Das ist besonders der Trend in den großen Städten mit westlichem Einfl uss. Mit der zunehmenden Emanzipation der Frau steigt aber auch die Scheidungsrate, so dass man auch dadurch mehr Allein stehende verzeichnen kann. Trotzdem bleibt es den meisten relativ unbegreiflich, dass man mit 40 immer noch nicht verheiratet ist oder es zumindest war.

Dienstmöglichkeiten: Inwieweit der Dienst einer allein stehenden Person anerkannt oder auf bestimmte Bereiche beschränkt ist, hängt sehr von der lokalen Leitung ab. Während ich in Afrika sehr spürte, dass ich auf Kinder- und Jugendarbeit beschränkt wurde, fand ich unter der Leitung südasiatischer Leiter offene Türen für jegliche Art von Dienst. In einer kleinen Pioniergemeinde wurde ich mit meiner Kollegin von Anfang an als selbstverständlich in alle Dienste mit hinein genommen. Die Neubekehrten kannten es also nicht anders und nahmen es auch als ganz normal hin. Das ist sicher nicht in jeder Gemeinde so üblich. In sozialen Projekten liegt die Sache noch einmal etwas anders, da kann man fast alles machen.

In der Gemeinschaft: Im Zusammenleben und -arbeiten mit anderen muss man als Single besonders weise sein. Niemals darf man durch sein Verhalten Missverständnisse bei Angehörigen des anderen Geschlechts aufkommen lassen – auch nicht bei den eigenen Kollegen. Außerdem muss man Ehepaaren und Familien ihre Privatsphäre lassen können. Das bedeutet, dass man als Single gut allein sein können muss. Wohlmeinende verheiratete Kollegen können aber ebenso Probleme im Umgang mit Singles haben, denn sie fühlen sich oft verantwortlich und legen mit aufdringlichen Fragen und Ratschlägen ein recht übergreifendes Verhalten an den Tag. Man muss lernen, es ihnen nicht übel zu nehmen, denn sie meinen es ja wirklich nicht böse.
Vorsicht ist geboten, wenn man sich in einem Anfall von Einsamkeitsgefühlen in einen Einheimischen verliebt.
 

 
 


Abgesehen von großen kulturellen Unterschieden, muss die Motivation überprüft werden: sucht man einen Ausweg aus der Einsamkeit oder ist dies tatsächlich Gottes Führung?
Ein gutes Maß an Zurückhaltung steht einem in anderen Kulturen sowieso gut und öffnet die Türen. Unser erster Vermieter in Südasien war sehr angetan von uns: „Ihr habt gar keine Männerbesuche, feiert keine Partys und ihr trinkt nicht!“ Vertrauen muss man sich verdienen, denn das Bild vom westlichen Lebensstil ist oft mit Unmoral verbunden. So ist es nur von Vorteil, sich angemessen dezent zu kleiden und auch bei 45 Grad in der Sonne auf Spaghettiträger und Sonnenbaden auf dem Balkon zu verzichten (es sei denn, er ist blickgeschützt oder man arbeitet in einer Kultur, die westlich geprägt ist).
Im Umgang mit dem anderen Geschlecht ist große Zurückhaltung angesagt. In Südasien z.B. schickt es sich nicht, einem Mann bei einem Gespräch in die Augen zu sehen, zumindest nicht länger. Das kann ganz furchtbar falsch verstanden werden.

Nach Feierabend: Freizeitgestaltung kann in diesen Ländern etwas schwierig sein, denn es ist oft nicht üblich, dass man abends ausgeht, schon gar nicht als allein stehende Frau. Eigentlich geht man als Frau kaum ohne den Ehemann oder einen Verwandten irgendwo hin, höchstens zur Arbeit. Wer also gewohnt ist, allein zu reisen oder spazieren zu gehen, muss sich umstellen. Deshalb ist es natürlich gut, wenn man nicht allein dort arbeitet, sondern im Team. Dadurch hat man mehr Möglichkeiten und auch einen Schutzraum. Es kann auch einfach viel zu gefährlich sein, allein abends unterwegs zu sein. Es ist also von großem Vorteil, zu zweit oder in einem mehrköpfigen Team zu sein. Dann kann man auch einmal ausgehen, z.B. zum Essen.

Was man so alles erleben kann: Man erlebt auch mehr oder weniger lustige Dinge. In Missionsländern kann man plötzlich als Heiratskandidat/in gelten. So hätte mich in Afrika gern jemand geheiratet, der fand, dass ich als Vegetarierin doch recht billig in der Haltung wäre und er sich das gerade noch leisten könne. Natürlich hatte er mich nicht selbst gefragt, sondern sich, wie es dort üblich ist, eine Vermittlungsperson ausgesucht,
um schon mal die Lage zu sondieren.

In Südasien wurden wir einmal gefragt, ob wir so etwas wie Nonnen wären, die nicht heiraten dürften. Eine Sprachlehrerin meinte, dass, wenn ich meine grauen Haare wegfärben würde, ich durchaus noch Chancen hätte….

In all dem muss man „glücklicher Single“ sein, um die Fragen oder Bemerkungen nicht übel zu nehmen. Und man würde auch sonst, angesichts der Verheirateten um einen herum, depressiv.

Eine gesunde Single-Seele: Will man als Single in die Mission gehen, ist es gut, mit einem „aufgeräumten“ Herzen zu gehen. Wer hofft, dass sich seine Probleme in einer anderen Umgebung in Nichts auflösen, wird enttäuscht werden. Sie verstärken sich Gewöhnlicherweise. Dazu kommt, dass man dort nicht unbedingt einen Seelsorger zur Verfügung hat und als Single eben auch keinen Ehepartner, mit dem man sich austauschen kann. Eine einsame Seele wird sich noch einsamer fühlen und eine bittere wird noch verbitterter. Aber ein Single, der gelernt hat, mit seinem Gott über Mauern zu springen, wird in der Mission glücklich. Es ist ein Vorrecht, all seine Kraft und Zeit in den Dienst Jesus stellen zu können. Ich kann Paulus verstehen, der sagt, er wünschte, alle wären unverheiratet wie er. Doch muss man sehen, dass man nicht ein alter schrulliger Single wird, mit dem niemand mehr zusammen sein möchte. Als Single ist es umso wichtiger, im Team zu arbeiten, Freundschaften mit Familien zu haben und korrigierbar zu bleiben. Es ist gut, mit anderen zusammen zu wohnen, damit man beziehungsfähig und kompromissbereit bleibt. Denn wer sich nur um sich selbst dreht, wird auch in der Mission unerträglich.

Wenn es zu einer Gewissheit geworden ist, dass man „nichts verpasst“ hat, dass Gottes Plan absolut genial ist und dass man als Single nicht verzweifeln muss, wird man ein glücklicher Single in der Mission sein. Denn Gott sorgt dafür, dass man das, was man aufgegeben hat (Familie, Freunde, etc) auf vielfältige Weise wieder erstattet bekommt. Gott ist auch derjenige, der einem die Türen zum Dienst öffnet. Selbst wenn es gegen die Kultur im Einsatzland sein sollte, kann er alles möglich machen.

Beate Grubert
war 14 Jahre als VM-Missionarin in Afrika und Südasien

 
 

(Fokus Mission  05/2007) 

 

 

 

 

 

 

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