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Vor dem Flughafen in Lucknow las ich auf einem gewaltig großen Plakat die Worte: „The world’s largest family welcomes you“ („die größte Familie der Welt heißt dich willkommen“). Dass ich von einer großen Familie umgeben war, daran hatte ich auch sehr bald keine Zweifel mehr. Volkszähler bestätigen ein phänomenales und unkontrollierbares Bevölkerungswachstum, dass die Volksrepublik China schon in den Schatten gestellt hat.
Über 1,2 Milliarden Menschen vermehren sich hier lawinenartig mit unvorstellbaren Konsequenzen. Was sind schon Zahlen, wenn man erst einmal in den Straßen von Delhi, Lucknow oder anderen Megastädten Indiens sich regelrecht durchkämpfen, besser gesagt, durchhupen muss. Noch nie hatte ich so viele Menschen und Transportmittel auf engstem Raum in Bewegung gesehen. Für mich war es eher das Erlebnis eines totalen Chaos. Die Hupe ist neben den Bremsen bei jedem Fahrzeug die wichtigste Ausstattung. Man hupt sich mit ohrenbetäubendem Lärm den Weg frei. Das erstaunliche daran ist, dass es auch funktioniert. Wer, wo und wann gehupt wird, kann man als einer, der die Regeln nicht kennt, nicht so gut nachvollziehen. Es ist einfach ein grandioses Hupkonzert, nicht weil man ärgerlich auf andere Verkehrsteilnehmer ist, nein, man möchte nur schlicht auf sich aufmerksam machen.
Den „heiligen“ Kühen auf der Straße konnte dieser Lärm und, noch schlimmer, der Gestank der unzähligen Auspuffrohre nichts anhaben. Sie blieben seelenruhig auf den Straßeninseln oder sogar mitten auf der Fahrbahn stehen bzw. liegen.
Die unüberschaubare Masse von Menschen jedoch macht mich nachdenklich. Die Auswirkungen der Bevölkerungsexplosion sind deutlich sichtbar. Die Armut starrt aus allen Ritzen und Fugen. Die Ressourcen Indiens verteilen sich auf immer mehr Menschen. Schon jetzt leben über 600 Millionen unter der Armutsgrenze, wobei Indien eine Atommacht ist, ein Weltraumprogramm unterhält und führend in der Produktion von Computerprogrammen. Indien ist ein Land von ungeheurer Vielfalt, krassesten Gegensätzen und unterschiedlichsten Bekenntnissen.
Die Fußspuren der Pioniere
Vor 2000 Jahren schon soll der Apostel Thomas diesen Teil der Erde erreicht haben. Die Malaba-Christen von St. Thomas betrachten ihn als ihren ersten Evangelisten und Märtyrer. Indien hat viele herausragende Evangelisten und Missionare gesehen. Bartholomäus Ziegenbalg und mit ihm Heinrich Plütschau erreichten 1706 den Subkontinent. Schon nach sechs Jahren hatten sie 33 Schriften in Tamil verfasst. Sie haben ein Missionsseminar, eine Baumwollweberei, eine Druckerei und eine Papiermühle aufgebaut. Es wurde eine Schule für Mädchen, die erste in ganz Indien, gegründet. Im Jahre 1750 folgte Christian Schwartz und 1793 William Carey. In den Reisfeldern Indiens hatte er als Arbeiter angefangen und wurde während seines über 40jährigen Schaffens zum Professor für die bengalische Sprache. Auch er war ein Pionier in der Übersetzungsarbeit. Innerhalb von 30 Jahren wurden sechs Bibelübersetzungen abgeschlossen und 23 weitere Übersetzungen des neuen Testamentes geschaffen.
In ihren Fußspuren folgten viele andere gesegnete Missionare und nicht zu vergessen, die vielen tausend indischen Evangelisten, die alle großartiges unter schweren und gefährlichen Bedingungen geleistet haben.
Die Religion der Sikhs und Hindus
Dennoch hat Indien heute mehr und größere Volksgruppen ohne Christen und Gemeinden, als irgendein anderer Teil der Welt. Die am wenigsten evangelisierte Gegend ist die Gangesebene im Norden Indiens. In den fünf Bundesstaaten des Nordens leben etwa 360 Millionen Menschen mit nur 120 000 aktiven und bekennenden Christen. Hier leben und arbeiten unsere Missionare, genau in Punjab, im Nordwesten und in Uttar Pradesh an der nepalesischen Grenze. Punjab ist das Kernland der Sikhs und Uttar Pradesh das Ursprungsland des Hinduismus. Sihks und Hindus sind bekannt als Eiferer ihrer Religion. Beide Bekenntnisse haben nicht selten ihren Glauben mit dem Schwert verbreitet oder auch verteidigt. Der Sikhismus lehrt zum Beispiel Hoffnung und Optimismus, aber gleichzeitig meint er, wenn alle Mittel versagt haben, ist es berechtigt, das Schwert zu ergreifen. Auch der Hinduismus gebraucht Gewalt in der Auseinandersetzung mit anderen Religionen. Die Angriffe auf Christen haben rapide zugenommen. Im Jahr 2001 registrierte man alle 36 Stunden gewalttätige Attacken auf Christen. Sikhs und Hindus betrachten unser Bekenntnis als Angriff und große Herausforderung.
Was geglaubt wird, ist in Form von unzähligen phantasievollen Götzenfiguren, Bildern, Symbolen und Ritualen sichtbar. Für unsere Missionare ist diese religiöse tiefe Verwurzelung eine echte Herausforderung. Dennoch gilt auch hier das Wort unseres Herrn: „Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden“, und das schließt Indien mit ein, und: „Wen der Sohn frei macht, der ist recht frei“, auch in einer Welt von Millionen von Göttern.
Überzeugen konnten wir uns, dass das Evangelium von Jesus Christus freisetzt und Segensspuren hinterlässt, als wir unsere Mitarbeiter besuchten. B. und R. arbeiten in einer Pioniergemeinde mit. Während der Woche versammeln sich die Gemeindemitglieder in einem Hauskreis, an dem wir teilnehmen durften. Hier lernten wir Menschen kennen, die Jesus Christus erlebt hatten. Diese Pionierarbeit wird von einem Pastor aus Südindien geleitet, der von Gott einen Ruf verspürt hat, unter den Sikhs zu arbeiten. Bitte betet für diese Arbeit, den indischen Pastor mit seiner Familie und unsere Mitarbeiter.
Betet auch für all die unerreichten Sikhs. In ihren Tempeln verehren sie den Guru Granth Sahib. Obwohl mit dem persönlichen Fürwort angesprochen, handelt es sich nur um ein Buch, das vor 400 Jahren geschrieben wurde vom fünften Guru der insgesamt zehn Gurus, dem Guru Arjan Dev. Dieses Buch wird nicht nur als Person angesprochen, sondern auch wie eine Person behandelt. Es wird zum Schlafen in ein Bett gebracht, zugedeckt und natürlich auch bewacht. Man verbeugt sich und kniet sich vor dem Buch hin, wie vor einer Person, die verehrt wird. Der Gründer des Sikhismus, der Guru Nanak sagte einmal: „O mein Geist, du bist der Funke des allmächtigen Lichtes, erkenne dein Wesen.“ Dieser Ausspruch drückt die tiefe Sehnsucht und grenzenlose Hilflosigkeit aller Menschen aus. Der begrenzte Geist des Menschen soll den ewigen Gott erfassen, was unmöglich ist. Aber hier zeigt sich dass Gesicht der Religion, nämlich das Streben des Menschen, aus eigener Kraft, Gott zu erfassen. Nicht in der Kunst und Kraft unseres Geistes liegt die Lösung, sondern in der Offenbarung Gottes selbst, in Jesus Christus. Mögen noch viele Menschen in Punjab Jesus Christus erleben.
Willkommen in Indien
Maria und Stefan Winkler sind schon über 30 Jahre in Indien. Sie arbeiten an der nepalesischen Grenze und auch darüber hinweg in Nepal. Die Fahrt von Lucknow nach war abenteuerlich und schweißtreibend. Einspurige, schmale und übervolle Straßen machen ein Ausweichen, natürlich im letzten Augenblick, immer wieder (not)wendig. Einmal hätte das Hinterteil eines Busses uns fast alle platt gedrückt. Doch als wir in , im letzten Haus Indiens durch das Tor fuhren, war aller Stress vergessen. Auch hier gab es wieder ein großes Banner: „Herzlich willkommen!“ und überall aus der Dunkelheit kamen sie, um uns zu begrüßen. Da waren die Jungs aus dem Kinderheim, alle Mitarbeiter und Maria Winkler, die einen deftigen Eintopf mit viel Gemüse und Büffelfleisch für uns bereithielt. Wir fühlten uns wie in einer Oase des Friedens und der Ruhe. Hier im Norden Indiens hat der Herr die Tür aufgetan und bis zum heutigen Tage aufgehalten.
Die medizinische Versorgung in der Klinik, wo täglich viele kranke Menschen Hilfe bekommen durch Dr. Maria Winkler und ihre Mitarbeiter, ist ein großer Segen. Während die Patienten in der Schlange stehen und auf ihre Behandlung warten, sind zwei Evangelisten, indische Mitarbeiter, beschäftigt das Evangelium mit Schriften und Predigten weiter zu sagen. Tausende Inder und Nepalesen haben hier das Wort Gottes gehört. Die Missionsschule, von Ehepaar Ramble geleitet, wird inzwischen von 700 Schülern aus Indien und Nepal besucht. Alle Kinder werden in den täglichen Andachten mit dem christlichen Glauben konfrontiert. Sie begegnen in ihren Lehrern gläubigen Menschen und sehen ihr Zeugnis für viele Jahre.
Die Jungs des Kinderheims kommen aus sehr armen Verhältnissen. Unter den 47 Jungen sind alle Altersstufen, von fünf bis ca. 20 Jahren, vertreten. Sie können bis zum Ende ihrer Schulausbildung im Heim bleiben und werden auch noch während der Berufsausbildung begleitet. Viele von ihnen sind bekennende Christen geworden.
Aber die Arbeit von Stefan begrenzt sich nicht auf das Management von Heim, Schule und Mitarbeitern, sondern geht weit über diesen Rahmen hinaus. Stichwort hier ist Gemeindegründungsarbeit. Mit der Betreuung und Begleitung von jungen Pastoren werden gezielt Gemeindegründungen vorangetrieben. Die meisten von ihnen kommen aus der Bibelschule der Assemblies of God in Hardoi, in der über viele Jahre hinweg unsere Missionare mit gelehrt haben. Nach Feierabend, wenn es so was für Stefan und Maria überhaupt noch gibt, stehen noch so manche seelsorgerlichen Gespräche auf dem Programm.
Große Herausforderungen
Die Religionen Indiens halten Millionen Menschen gefangen, ein großes und undurchschaubares Geflecht vieler verschiedener Bekenntnisse. Durch die etwa 6 400 Kasten im Hinduismus bewegt sich jeder innerhalb seiner Kastengrenzen. Es gibt keine kastenübergreifende Heirat, Festmahl noch Berufsstand. Für den Hindu ist damit sein Bewegungsrahmen im religiösen System festgelegt. Von Geburt bis zum Grab ist alles geregelt. Da bleibt nur die Hoffnung auf die Reinkarnation, die hoffentlich dann die Lebensqualität verbessert. Der Hindu sehnt sich genau wie jeder Mensch nach Geborgenheit, Gewissheit, Vollkommenheit und eine ewige Rettung. Millionen warten auf eine Antwort!
Ich verlasse Indien mit gemischten Gefühlen. Betroffen bin ich von den Menschenmassen, die mich auf Schritt und Tritt verfolgten. Etwa 400 Millionen Inder sind unter 18 Jahre alt. Etwa 70 Millionen davon leben in Zwangsarbeit. Man rechnet mit etwa 40 Millionen Abtreibungen. Aids hat sich rasend schnell verbreitet. Sollte der Trend anhalten, ist in 20 Jahren mit 200 Millionen infizierten Menschen zu rechnen. Indien hat viele Millionen unerreichter Menschen. Alles ist so unvorstellbar groß und herausfordernd.
Den Kontinent für Jesus gewinnen
Dankbar bin ich aber auch für das, was wir durch unsere Missionare und viele Missionsfreunde sowie Gottes Gnade schon über viele Jahrzehnte in Indien tun durften. Tausenden wurde das Evangelium gebracht, aber Millionen müssen es noch hören. Betet weiter mit uns für offene Türen in Indien und für Bewahrung unserer Missionare. Betet für ein Heer von Evangelisten und Missionaren. Möge der Herr uns helfen diesen Kontinent für Jesus zu gewinnen.
Siegfried Bongartz
Quelle der Zahlenangaben: Gebet für die Welt von Patrick Johnstone
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